Die
Befreiungsbewegung in der Südafrikanischen Republik
Erster, von Franz Lee
verfasster
und veröffentlichter Artikel
in
“Internationale
Politik”, 14. Jhg. Heft 318/319, Belgrad, Juli 1963
Pandemonium Electronic Publications,
Mérida, Venezuela, 1999
Schon
seit den frühesten Anfängen der Menschheitsgeschichte bildete die
Versklavung
der Vernunft eines der erfolgreichsten Instrumente aller Unterdrücker.
Indem
sie die Vergangenheit der Unterdrückten einfach auslöschten und ihre
Gegenwart
der Ausbeutung entsprechend einrichteten, gelang es den herrschenden
Klassen,
sich die unterdrückten Völker ohne den Einsatz von Armeen und
Polizeikräften zu
unterwerfen. Um nachzuweisen, wie die Geschichte in den
südafrikanischen
Schulen und auf den dortigen Universitäten verdreht wird und wie diese
Verdrehungen den Schülern als „Evangelium der Wahrheit“ beigebracht
werden,
will ich hier den Verlauf der Ereignisse während der letzten fünfzig
Jahre
analysieren. Die grosse Lüge - zusammengesetzt aus der sogenannten
„weissen
Superiorität“ und der „schwarzen Inferiorität“ - dringt in jede Pore
der
Geschichte ein und gelangt bis in die kleinsten Kapillaren jeder
Wissenschaft.
In Wirklichkeit ist von dieser Lüge die gesamte südafrikanische
Gesellschaft
durchdrungen. Daher ist es kein Wunder, wenn die Afrikaner - etwa 12
Millionen
Neger, Mischlinge, Malaien, Inder und Chinesen (die Japaner sind aus
kaufmännischen Erwägungen als Europäer registriert) - gezwungen sind,
„mit
Ideen gegen Ideen zu kämpfen“!
Die
arbeitenden Massen, d. h. in der Hauptsache die unterdrückten
Nichteuropäer,
die Millionen von Arbeitern und Bauern, die auf den Feldern, in den
Bergwerken
und Fabriken tätig sind, scheinen dazu bestimmt, dieses Land aus seiner
jetzigen Krise herauszuführen. Die gesamte Wirtschaft Südafrikas ruht
auf ihren
Schultern. Sie haben die Zivilisation geschaffen und die Grundlagen für
die
kulturelle Entwicklung gelegt. Dieser Fortschritt wäre ohne ihre
billige
Arbeitskraft unmöglich gewesen. Angesichts ihres Beitrags ist es
unbedingt
notwendig, ihnen den ihrer Würde und ihrem Wert entsprechenden,
gerechten Platz
in der Gesellschaft zuzuweisen.
Ich
möchte nun den Uhrzeiger etwas zurückdrehen, zurück bis zum Tag der
Union im
Jahre 1910. Durch das Gesetz über die Union vom 31. Mai 1910 waren
sämtliche
schwarzen Bewohner auf ihrer eigenen Scholle politisch rechtlos
geworden; die
sogenannten Bestimmungen über die Rassenschranken (color bars)
gegenüber den
Schwarzen, die in der Praxis ständig zur Durchführung gelangten, wurden
in die
Verfassung des Landes aufgenommen. Die Regierungspolitik des „divide et
impera“
hatte ihren Anfang genommen und seither musste die nichteuropäische
Bevölkerung
wohl oder übel in der untergeordneten Stellung einer billigen
Arbeitskraft
gehalten werden.
Das
Herrenvolk, die Afrikander Südafrikas halten sich für Nachkommen der
holländischen Einwanderer aus dem 17. Jahrhundert und der französischen
Flüchtlinge (Hugenotten) aus dem Jahre 1685. Sie behaupten von sich,
Europäer
und die einzigen Verteidiger der christlichen Zivilisation in Südafrika
zu
sein. Sie halten es für ihre „Pflicht, jede Gefahr für die westliche
Lebensart“
zu beseitigen, jede „Gefahr der schwarzen Horden“ aus dem Wege zu
räumen, die
„Vernichtung der christlichen Zivilisation durch die schwarzen
Barbaren“ zu
verhindern und besonders jede „Bedrohung der europäischen Zivilisation“
aufzuhalten.
Um
dieser Gewaltpolitik, dieser ungeheuerlichen Aktion der Anhänger des
Apartheid
entgegenzutreten, schufen die Afrikaner im Jahre 1912 ihren
Afrikanischen
Nationalkongress (ANC), der alle Afrikaner vereinigte. Das
katastrophale
Bodengesetz vom Jahre 1913 hatte die Aufmerksamkeit des unterdrückten
Volkes
auf diese Organisation gelenkt.
Nach
dem alten Republiksgesetz hatten die Afrikaner in Transvaal und im
Freistaat
kein Recht auf Bodenerwerb. Sie konnten Grund und Boden nur in den
überfüllten
Reservaten kaufen. Durch den Bodenhunger waren sie gezwungen, sich auf
dem im
Eigentum der Europäer stehenden Grundstücken „rechtlos anzusiedeln“.
Als
Eindringlinge lebten sie hier ganze Generationen hindurch. Die logische
Folge
dieses ungerechten Gesetzes war die, dass Tausende und aber Tausende
afrikanischer landloser Bauern ihre Herden an die weissen Farmer
verkaufen
mussten, die ihnen unverschämt niedrige Preise boten und die traurige
Lage der
Afrikaner rücksichtslos ausnutzten. Viele Afrikaner wurden als billige
landwirtschaftliche
Arbeiter in Dienst genommen, doch ihre Löhne waren beinahe gleich Null.
Andere
wiederum zogen mit ihren Herden davon und kilometerlange Strecken waren
mit
Spuren des Todes besät. Die Flüchtlinge durften nicht einmal ihre Toten
begraben. Welch furchtbare Ankündigung der Dinge, die erst kommen
sollten!
Zu
Beginn des Ersten Weltkrieges, im Jahre 1914, hegten die Afrikaner
keine
grossen Hoffnungen auf die Befreiung ihres Landes. Aber dennoch hielten
sie
Großbritannien die Treue, meldeten sich zum Eintritt in die Armee in
der
Hoffnung, sie würden das Herz der Weissen Königin (die in ihrem
Befreiungskampf
zu einer legendären Figur geworden war) erweichen und sie veranlassen,
ihnen zu
helfen. Hunderte von ihnen fielen auf den Kampffeldern Frankreichs.
Während des
Krieges verschlang viele der Ozean bei der Versenkung des Schiffes
„Mendi“.
Welchen Sinn und welches Ziel hatten aber alle diese Opfer?
Im
Januar 1919 gründeten die Afrikaner von Kapstadt die Gewerkschaft der
Industrie- und Handelsarbeiter (Industrial and Commercial Worker’s
Union) -
kurz ICU genannt. Diese Organisation proklamierte in den Kapstädter
Docks einen
erfolgreichen Streik, der von achttausend Arbeitern durchgeführt wurde.
Damals
bekamen die Unterdrückten zum ersten Mal die Wirksamkeit der Parole des
Herrenvolks zu fühlen: Einheit ist Kraft! Und wie üblich griff die
Regierung
zur Anwendung physischer Gewalt. Im Juli 1920 hielten die Afrikaner
ihre erste
Arbeiterversammlung in Bloemfontein ab. Im Oktober wurde in Port
Elisabeth einer
ihrer Führer, Masabalala, verhaftet. Als die Masse seine sofortige
Freilassung
forderte, eröffnete die Polizei das Feuer, tötete 23 Personen und
verwundete
eine noch grössere Zahl. Ähnliche unmenschliche Aktionen haben sich in
der
Geschichte Südafrikas ständig wiederholt.
Die
Regierung Smuts fuhr im Jahre 1921 fort, der Bevölkerung immer
rücksichtslosere
Schläge zu versetzen. In Queenstown wurden die schutzlosen Afrikaner,
die sich
in Bullhock versammelt hatten, durch Maschinengewehrfeuer wie
Kriechtiere und
Heuschrecken niedergemäht. Zu diesen Szenen des Vandalismus gesellte
sich im
Jahr 1922 die Tragödie des Blutbads von Bondelswart. Im Jahre 1923
gossen
solche Blutbäder und drei neue Vergeltungsgesetze (das Gesetz über die
Stadtgebiete, das Gesetz über die Rassenschranken und das Gesetz über
die
Administration der Eingeborenen) neues Öl in das bereits wütende Feuer.
Diese
Gesetze waren darauf ausgerichtet, den Zustand der Sklaverei in
Südafrika
aufrecht zu erhalten. Im Jahre 1926 konnte sich die ICU rühmen, die
Zahl ihrer
Mitglieder auf über 100 000 erhöht zu haben. Doch, statt sich
zusammenzutun,
liessen sich die ANC und die ICU in einen, Bestürzung erregenden
offenen
Konkurrenzkampf ein. In dieser Phase sahen sich die afrikanischen
Arbeiter
ihren unmittelbaren Arbeitgebern, ja sogar dem ganzen Staat mit seinem
gut
organisierten Apparat gegenübergestellt. Das Rückgrat dieses Staates
bildete
aber der britische Imperialismus mit seiner langen Geschichte von
Erfahrungen
in der kolonialen Ausbeutung und Unterdrückung. Als das Jahr 1930 näher
rückte,
erreichte die ICU-Bewegung ihren Höhepunkt, brach aber dann rasch
zusammen. Sie
zerfiel bald in Fraktionen, von denen jede ihren besonderen Führer
hatte, und
diese Führer hetzten gegeneinander. Interessant ist, dass die ICU
eigentlich
den Zersetzungskeim bereits in sich trug. Dekadente Kräfte, Bürokratie,
Opportunismus, Abenteuertum und Strebertum riefen in der Organisation
ein Chaos
hervor. Der einzige progressive Schritt in dieser Zeit bestand in dem
Versuch,
eine einheitliche Gewerkschaftsbewegung ins Leben zu rufen.
Im
Grunde sahen die Afrikaner ein, dass sie als Arbeiter und Angehörige
einer
„inferioren“ Rasse unterdrückt waren. Wenngleich unter ihnen nur eine
Minderheit lesen und schreiben konnte, begannen sich schon manche zu
fragen, wo
und wie sich das Menschengeschlecht in zwei Zweige gespalten habe: in
die Rasse
der „Herren“ und in die „inferiore“ Rasse. Sie konnten keinerlei
Unterschied
finden, weder in den Blutgruppen noch in der Anzahl der Knochen oder
Organe, ja
nicht einmal in der Fähigkeit zur Reproduktion. Sie hatten täglich
Gelegenheit,
zu fühlen, dass sie umso stärker unterdrückt und ausgebeutet wurden, je
dunkler
ihre Hautfarbe, je krauser ihr Haar und je molliger dieses seiner
Textur nach
war. Sie konnten nicht begreifen, daß das Gebäude dessen, was mit so
grosser
Beredsamkeit als „weiß“, „europäisch“, „christlich“ und zur
„westlichen“
Zivilisation gehörend bezeichnet wurde, zum großen Teil durch ihren
Schweiss
und die billige Arbeitskraft Afrikas aufgebaut worden war. Die Europäer
haben
ohne Zweifel ihren wertvollen intellektuellen Beitrag geleistet, aber
aus der
Schlußanalyse lässt sich klar ersehen, „wer“ die saftigen Früchte ihrer
Arbeit
einheimst und „wer“ sich mit den Krümchen zufrieden geben muss, die vom
Tisch
des Herrn fallen.
Die
afrikanischen Gewerkschaften waren machtlos. Das Gesetz über die
Rassenschranken, das Gesetz über die Lehrlingszeit, das Gesetz über den
Ausgleich in der Industrie und der Zusatz zum Gesetz über die Fabriken
beseitigten
auch jede noch übrig gebliebene Spur politischer Rechte und zogen die
Schlingen
der Sklaverei immer fester um die Hälse der Afrikaner. Bis 1935, bis
zur
Annahme der drei berüchtigten Hertzogschen Gesetze - der
„Eingeborenengesetze“
- bedeuteten die beiden nationalen Organisationen ICU und ANC nur noch
etwas
mehr als leere Muschelschalen. Doch in der Erinnerung des Volkes ist
der
Widerhall ihrer Namen voller Hoffnung zurückgeblieben. In der
Zwischenzeit aber
waren die Afrikaner vom kapitalistischen System und seinen besonderen
Ansichten
und Methoden absorbiert worden. Mit Hilfe dieser Gesetze wollte das
Herrenvolk,
das von sich selbst behauptete, „das von Gott erwählte Volk“ zu sein,
ein für
allemal die Eingeborenenfrage lösen (Cape Argus and Times). Doch
welches
gesellschaftliche Problem ist in der Geschichte für ewige Zeiten gelöst
worden?
Die
Wurzeln dieser Sklavereigesetze sind in den politischen und
wirtschaftlichen
Verhältnissen des Landes zu suchen, das von der durch den Weltkrieg
ausgelösten
Wirtschaftskrise schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Um dieses
Problem zu
lösen, wurde die „fusionierte“ Regierung Smuts-Hertzog gebildet - eine
politische Ehe zwischen dem holländischen Feudalismus und dem
britischen
Imperialismus. Das Gesetz über die Vertretung der Eingeborenen
verfolgte in
Wirklichkeit das Ziel, den Afrikaner in seiner eigenen Heimat zu einem
Fremden
zu machen. Das Gesetz über den Landbesitz der Eingeborenen war nicht
dazu
bestimmt, die furchtbare Landlosigkeit zu mildern, sondern diese im
Gegenteil
noch zu steigern. Den Afrikaner hatte man gezwungen, Grund und Boden
nur in den
bereits erschöpften Reservaten zu kaufen. Nebenbei gesagt umfassen
diese
Reservate nur 12% der gesamten Bodenfläche des Landes, und zwar die
schlechtesten Landstriche, die aus Wüsten, Halbwüsten, dem
Kalahari-Gebiet, aus
mückenverseuchten Gebieten, wasserarmen Steinwüsten u. a. bestehen. Die
drei
Millionen Weissen besassen 88% des Bodens, und zwar waren es die
reichsten
Landstriche, voll mineralischer Reichtümer und äußerst
bewässerungsfähig. Um
die Eingoborenen zum Schweigen zu bringen, enthielt das Gesetz als
Lockmittel
das Versprechen vom „gelobten Land“, von mythischen Gebieten, die in
kürzester
Zeit freigemacht werden sollten. Das Amandement zum Gesetz über die
Stadtgebiete bildete eine Ergänzung der übrigen beiden Gesetze und
verfolgte
den Zweck, die „Regimentierung“ der Afrikaner zu vervollkommnen und
Reservoire
der billigen Arbeitskraft zu schaffen. Dieses Gesetz hat die
Eingeborenen des
Rechts beraubt, dem Meistbietenden ihre Arbeitskraft auf offenem Markt
anzutragen.
Das
afrikanische Volk war zutiefst beunruhigt. In den Jahren 1935 und 1936
handelte
es rasch und energisch, um sich der neugeschaffenen Lage zu
widersetzen. Die
Afrikaner sammelten ihre verstreuten politischen und anderen
Organisationen und
vereinigten sie auf der Allafrikanischen Versammlung (AAC). Über 500
Delegierte
waren in Bloemfontein anwesend. Durch ihre Einmütigkeit brachten sie
die
Entschlossenheit zum Ausdruck, diesen Gesetzen Widerstand zu leisten.
Der
Grundton der Konferenz lautete: Einheit von Ziel und Kraft! Das
Herrenvolk sah
ein, dass die gefassten Beschlüsse nur einen Ausdruck der einheitlichen
Weigerung des ganzen Volkes bedeuteten, die fatalen Gesetze
hinzunehmen. So mussten
die Machthaber rasch in Aktion treten und bedienten sich der Presse.
Auf den
Titelseiten der Zeitungen wurde ausposaunt, zwischen der Regierung und
den
afrikanischen Führern sei ein Einvernehmen erzielt worden. Welch
furchtbare
Lüge, welches Verbrechen! Diese Mitteilung fiel wie eine Bombe unter
die
Afrikaner und stürzte sie in ein regelrechtes Chaos. Man hatte den
Zankapfel
zwischen sie geworfen. Ein ganzes Jahrzehnt verbrachten sie so in einem
tragischen Zustand des Schreckens und der Verwirrung, befassten sich
mit
gefälschten Vertretungen und gefälschten Räten. Sie mußten erst lernen,
was
unter dem Begriff einer „Entwicklung nach unseren eigenen Linien“
gemeint war.
Das Herrenvolk aber genoss den Trick, den „Hunden“ von Zeit zu Zeit
einen
Knochen zuzuwerfen und sie dann sich selbst zu überlassen, damit sie
untereinander stritten, während das Herrenvolk ungehindert sein
geliebtes
Fleisch verspeisen konnte. Die Afrikaner waren mit dem Kampf um
Positionen in
falschen Räten beschäftigt; sie verschwendeten ihre Energie im Kampf
darum,
welcher weisse „Messias“ sie im Parlament vertreten und im Namen der
schwarzen
„Sklaven“ auftreten würde. Die holländische reformierte Kirche - die
offizielle
Kirche der Republik wartete brennend darauf, eine Politik des Geborsams
zu
predigen, derzufolge der Mensch selbst seine rechte Backe darzubieten
habe,
wenn er von dem Unterdrücker auf die linke einen Schlag erhalte.
Schliesslich
machte sich der neue Wind doch auf und eine neue Ära brach an. Am
Dingaans Tag,
dem 16. Dezember 1943, hielt der AAC in Bloemfontain eine Konferenz ab,
auf der
die Bewegung zur Einheit der Nichteuropäer (NEUM) gegründet wurde. Ein
Zehnpunktprogramm sollte die Grundlagen des politischen Kampfes der
NEUM
darstellen. Darin wurde verlangt: das allgemeine Stimmrecht;
obligatorische
kostenlose und einheitliche Schulbildung; Unverletzlichkeit der Person;
Rede-,
Presse- und Wahlfreiheit; Freizügigkeit und freie Berufswahl; volle
Gleichberechtigung für alle Bürger; Überprüfung der Bodenfrage;
Revision der bürgerlichen
und Strafgesetzgebung; Revision des Steuersystems und der
Arbeitsgesetzgebung.
Ich
möchte hier betonen, dass die NEUM nicht etwa eine gegen die Weissen
gerichtete
oder rassistische Bewegung ist. In Wirklichkeit ist der Rassismus der
NEUM
völlig fremd und steht zu ihren Prinzipien in krassem Widerspruch. Der
Rassismus ist ein Feind der Einheit der Nichteuropäer und in
Wirklichkeit ein
Feind der afrikanischen Einheit. Die Rassenharmonie kann aber nur auf
einer
Basis hergestellt werden: auf Basis der Gleichheit aller Rassen und
Völker. Das
teuflische Wort „Rasse“ aber, soll in Vergessenheit geraten. Die
Politik der
NEUM lautet: keine Zusammenarbeit; ihr praktischer Aspekt ist der
politische
Boykott.
Im
Jahre 1948 kam die nationalistische (Afrikander) Partei zur Macht. Dr.
Verwoerd
wurde zum Minister für Eingeborenenangelegenheiten ernannt. Der
politische
Kampf in Südafrika konzentrierte sich um die „Angelegenheiten der
Kaffern“.
Daher beherrschte Dr. Verwoerd das politische Leben Südafrikas, und
zwar
angefangen vom Jahr 1948, nachdem er den grössten Teil der
Parlamentstagungen
auf die Erörterung der „Eingeborenenfrage“ verwandte. Es gelang ihm
bald, das
Gesetz über die Machtbefugnisse der Bantuneger sowie das Gesetz über
ihre
Erziehung im Parlament durchzubringen. Das Ziel dieser Gesetze bestand
darin,
inmitten des Industrialismus wieder den Tribalismus einzuführen;
zweitens, die
Schulen sind nicht mehr Ausbildungszentren sondern Zentren zur
Indoktrinierung
einer gehorsamen Annahme des Apartheid und der Segregation. Verwoerd
selbst
erklärte: „Die Politik meines Ministeriums lautet dahin, dass die
Ausbildung
der Bantus mit beiden Füssen in den Reservaten zu stehen hat und dass
sie
Wurzeln im Geist und Wesen der Bantugesellschaft besitzt... Für den
Bantu ist
kein Platz in der europäischen Gemeinschaft über dem Niveau gewisser
Arbeitsformen“. Und als er das Gesetz dem Parlament unterbreitete,
sagte er
weiter: „Was für einen Nutzen haben wir davon, die Bantukinder in der
Mathematik zu unterrichten, wenn sie diese in der Praxis nicht
verwenden
können?... Das wäre völlig absurd!“
Die
Universitäten für Afrikaner sind in Universitäten für Xhosas, Zulus,
Sothos
usw. eingeteilt. Oder mit anderen Worten: es handelt sich hier um
„Stammesuniversitäten“, die „ihre Wurzeln im Geist und Wesen der
Bantugesellschaft haben. Die farbigen Studenten der medizinischen
Fakultät
dürfen einen weissen Leichnam nicht berühren, ja nicht einmal sehen;
von einem
Studium am lebendigen Körper eines Weissen gar nicht zu reden. Hier
können wir
genau beurteilen, auf ein wie faules Niveau der Intellekt des
Herrenvolkes
gefallen ist. Und das im zwanzigsten Jahrhundert, im Zeitalter der
Sputniks und
der Reisen auf den Mond!
Das
Jahr 1958 brachte am politischen Horizont drei Erscheinungen zutage,
die von
den Leitern für das unterdrückte Südafrika gewählt worden waren: den
Hochverratsprozess, die Verhaftung zahlreicher Afrikaner auf
Sekukuniland und
vom Stamm der Zeerusts und schliesslich die Ernennung Dr. Verwoerds zum
Ministerpräsidenten. Der Hochverratsprozess war der grösste und längste
seiner
Art in den südafrikanischen Annalen. Dieses furchtbare Drama begann am
5.
Dezember 1956, als 165 Weisse und Schwarze verhaftet wurden. Männer und
Frauen
wurden aus ihren Betten gerissen, Mütter von den Kindern getrennt. In
einigen
Fällen hatte man sogar beide Eltern abgeführt und die entsetzen Kinder
ohne
jede Fürsorge sich selbst überlassen. Am 19. Dezember begann in
Johannesburg
die Voruntersuchung; das Gerichtsgebäude war von mehr als 500
Polizisten umstellt.
Volle neun Monate mussten die Angeklagten vor Gericht erscheinen,
geduldig alle
Kreuzverhöre über sich ergehen lassen, in deren Verlauf drei Millionen
Worte
gesprochen wurden. Die Polizei unterbreitete dem Gericht an die 12000
Dokumente, darunter auch russische Kochrezepte. Fünfundneunzig Personen
(diese
Ziffer wurde später auf 91 herabgesetzt) hatte man den Prozess wegen
Hochverrats gemacht, welche Anklage die Todesstrafe nach sich zieht.
Nur dank
dem Interesse der Weltöffentlichkeit erhielten die Angeklagten den
Rechtsbeistand führender Juristen und Advokaten Südafrikas. Die Anklage
brach
zusammen. Zum Zeichen der Rache aber wurden dem System der
Sklavereigesetze
Zusatzanträge zum Gesetz über die Bekämpfung des Kommunismus
hinzugefügt. Die
Angeklagten aber wurden, nachdem sie jahrelang in Gefängnissen
zugebracht und
unersetzliche Schäden erlitten hatten, letzten Endes freigesprochen.
Das
zweite Ereignis war die Massenverhaftung von über 200 Afrikanern aus
Sekukuniland und Angehörigen des Stammes dar Zeerusts, die des Mordes,
der
Brandstiftung und der Aufwiegelung zu Gewaltakten angeklagt wurden.
Niemandem
wurde gestattet, auch nur den Mund aufzutun oder gegen das Gesetz zu
protestieren. Zwischen den Unterdrückten und den Herren klaffte ein
tiefer Abgrund.
Gelegentlich
der Ernennung Dr. Verwoerds zum Ministerpräsidenten sprachen alle
Anzeichen
dafür, dass er seine früheren Standpunkte nicht Lügen strafen würde. Er
versprach, er würde seine Energie der Verwirklichung der „weissen
Republik“
Südafrika, widmen. Die „Republik“, die „Burenrepublik“, die „Republik
aller
Rechtgläubigen“ hatte die christliche Zivilisation im schwarzen
Kontinent zu
erhalten. Der „Broederbond“ und „D.R.C.“ erblickten darin die Erfüllung
des
biblischen Alten Testaments - d. h. der heiligen Verheissung vom „Land,
in dem
Milch und Honig fliesst“. Wir sind Zeugen der teuflischen
Durchtriebenheit von
Verwoerds Plan. Wir haben Südafrika gesehen, als es im Jahre 1961 zur
Republik
wurde und aus denn Commonwealth austrat.
Im
März 1960 kam es zur Kampagne des Panafrikanischen Kongresses gegen die
Passierscheine für Schwarze. Dieses Abenteuer, das die Liberalen
unterstützten,
endete mit den Katastrophen von Sharpeville und Langa. Weshalb? Einfach
aus dem
Grunde, weil die Unterdrückung ebenso wie das Leben selbst, sich nicht
in
gesonderte Abschnitte aufteilen lässt. Alles bildet ein einheitliches
Ganzes.
Daher müssen die Menschen lernen, dass die Unterdrückung national ist.
Der PAC,
als Agent der Liberalen, stellt bloss eine Unannehmlichkeit für das
gegenwärtige Regime Verwoerds, eine Einleitung zur Intervention der UNO
dar.
Anfang
1952 spielte Dr. Verwoerd seinen Trumpf aus, indem er der Provinz
Transkei eine
falsche Unabhängigkeit anbot. Es handelt sich hier um das Märchen vom
„Staat im
Staate“, der wie die Afrikaner sarkastisch erklären - ein
Baboon-Parlament
besitzt. Um diesen Betrug aufzuzwingen, benötigte das Herrenvolk
weitgehende
diktatorische Vollmachten. Ein Gesetz des Dschungels - das Gesetz gegen
Sabotage und das Gesetz über die Zensur - musste zur ständig wachsenden
Liste
der faschistischen Maßnahmen hinzugefügt werden. Beide Gesetze waren
ihrem
Umfang nach so weitgehend, ihrer Bestimmung nach so grausam, dass sie
in allen
zivilisierten Ländern ihresgleichen suchen.
Die
Sabotage wurde zum Verbrechen erklärt, das mit einer Mindeststrafe von
5 Jahren
Gefängnis und maximal mit der Todesstrafe geahndet wird. Personen, die
einen
elektrischen Schalter vernichten, wodurch die öffentliche Ordnung
bedroht
werden könnte, oder die aus den Autoreifen eines Ministerwagens die
Luft
rauslassen, können wegen eines Verbrechens angeklagt werden, für das
das
höchste Strafausmaß - die Todesstrafe - vorgesehen ist, und zwar ohne
jeden
Prozess. Selbstverständlich handelt es sich hier um einen Racheakt für
den
früheren Mißerfolg der Regierung im Hochverratsprozess. Kurzum, ein
Minister
kann vollkommen und wirksam die Mittel zum Lebensunterhalt jeder Person
vernichten, ohne daß diese Person unter irgendwelcher Anklage vor
Gericht
gestellt wird. Die Gesetze wurden gemacht, um den permanenten
Ausnahmezustand
auf das ganze Lund auszudehnen und zu verewigen. Ich frage mich
einfach, wie
ein unabhängiges Transkei in eine solche gespenstische Szene eingefügt
werden
könnte.
Wozu
dieser offene Faschismus? Unter dem Banner der NEUM wurde im Jahre 1960
der
Demokratische Bund des afrikanischen Volkes Südafrikas (APDUSA)
geboren. Sein
Ziel bestand darin, die Fabrikarbeiter und Bauern Südafrikas zu
vereinigen und
politisch zu erziehen. Der Hintergrund einer solchen Entwicklung
enthüllt die
Notwendigkeit, eine ganze unterdrückte Nation auf den Kurs des
nationalen
Kampfes für die Freiheit zu bringen. Daher stellt der APDUSA eine
unbedingte
Notwendigkeit dar. Dr. Verwoerd - nach allem ein „absoluter Mussolini“,
der nur
einen anderen Namen führt - verfolgt das Ziel, durch seine grausamen
Gesetze
die demokratische Bewegung des Volkes ins Herz zu treffen, solange sie
sich
noch in der ersten Entwicklungsphase befindet, und auf diese Weise alle
Organisationen der Unterdrückten zu vernichten und gleichzeitig jeden
Ruf nach
Freiheit zu ersticken.
Da
unsere Zauberuhr beim Jahr 1963 angelangt ist, spielt sie uns folgende
Szene
vor: die Reibungen zwischen den verschiedenen Klassen sind unerträglich
geworden. Die unterdrückte Klasse aber ist bis an die äusserste Grenze
ihrer
Geduld und ihres Leidens gelangt. Sie kann dies einfach nicht mehr
ertragen.
Irgendwo muss es zur Explosion kommen. Die Unterdrückten - selbst die
Kapstädter „Skollies“ und die „Tsotsis from Rand“ - sind politisch
bewusste
Menschen geworden. Schon sechsjährige Kinder sprechen von
Unterdrückung, wenn
sie ihre Eltern ohne Nahrung und Arbeit sehen. Die Apartheid ist ein
kostspieliges Unternehmen. Daher befindet sich Südafrika am Rande des
Bankrotts. Allmonatlich verlieren Hunderte durch die Wirtschaftskrise
ihre
Arbeit. Die Herren sind verzweifelt bemüht, mit Stimmzetteln in der
einen und
dem Gewehr in der anderen Hand die Situation zu ändern, die sich immer
rascher
verschlimmert. Und doch ist alles umsonst. Afrika erwacht aus seinem
tiefen
Schlaf. Die Sanduhr läuft rasch ab. Unterdrückung und Ausbeutung haben
die
Menschen physisch und geistig erschöpft. In ihrer Verzweiflung rufen
sie aus:
„Afrika, kehre zu uns zurück! Die Peitschen der Tyrannen können nicht
ewig
schwingen. Wenngleich die faschistische Tyrannei über dem ganzen Land
lastet,
wird das Herrenvolk mit all seiner Brutalität letzten Endes auf dem
Misthaufen
der Geschichte landen. Denn die Geschichte hat ihr Urteil über das
Herrenvolkstum in Südafrika bereits gefällt.